Wirtschaftsstandort

Unsere Position: Strukturwandel als Herausforderung annehmen und proaktiv gestalten

(aktualisiert 16.10.2013)

Über Jahrzehnte war Grenzach-Wyhlen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart als zuverlässig sprudelnde Quelle für Gewerbe- steuerzahlungen bekannt und hochgeschätzt. Die Zeiten, in denen Roche, Ciba und andere florierende Industrie- und Gewerbebetriebe in unserer Gemeinde für eine volle Gemeindekasse sorgten, sind allerdings vorbei. Im Grunde genommen ist die Entwicklung der Industrie Grenzach-Wyhlens ein Spiegelbild der globalen Wirtschaft, denn wir können hier vor Ort den globalen Strukturwandel hautnah spüren:

  • Bis in die 90er Jahre prägten Ciba-Geigy und Roche den Industrie- standort Grenzach-Wyhlen, der damit zugleich Teil des Basler Life Science Clusters und – zusammen mit Rheinfelden (Baden) – Teil des Chemieclusters am Hochrhein war.
  • Aus Ciba-Geigy wurde im Zuge der Fusion mit Sandoz zur Novartis die Ciba Spezialitätenchemie, die 1997 von Novartis als selbstständige Firma an die Börse gebracht wurde. Nach anfänglich guten Geschäfts-jahren wurde Ciba SC dann 2008 von der BASF  übernommen. Im Juli 2009 wurde bekannt, dass am Standort Grenzach-Wyhlen bis Ende 2010 etwa 200 Stellen von 880 auf 680 abgebaut werden. Das Werk Grenzach-Wyhlen gehöre jedoch, so eine BASF-Sprecherin, zu den 32 Bereichen, die als Teil des globalen BASF-Produktionsnetzwerkes optimiert würden. „Grenzach steht aber nicht generell auf dem Prüfstand“, so die BASF-Sprecherin damals (Badische Zeitung vom 6.7.2009). Diese Aussage war bereits im November 2010 Makulatur, als die Streichung von weiteren 400 Stellen angekündigt wurde – 170 Vollzeitstellen sind übrig geblieben (Badische Zeitung vom 18.11.2010).
  • Bei der Roche gab es ebenfalls grundlegende Veränderungen, die auch in Grenzach-Wyhlen sichtbar wurden. So wurde die Division Vitamine an DSM Nutritional Products verkauft (2003), die rezeptfreien Medikamente (OTC) wurden von Bayer Consumer Care übernommen (2004). Neben diesen beiden Unternehmen finden sich heute auf dem Grenzacher Roche-Areal noch die Bayer-Tochter GP Grenzach Produktions GmbH (Tubenproduktion) sowie die Roche Deutschland Holding GmbH.

Heute steht der Wirtschaftsstandort Grenzach-Wyhlen, dessen industrielle Wurzeln bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen, an einer historischen Wendemarke. BASF hat wesentliche Teile der Grenzacher Produktion nach China verlagert, die wenigen, noch verbliebenen Synthesen werden vermutlich in Kürze folgen. Überlegungen zum Aufbau neuer Aktivitäten seitens BASF sind nicht bekannt und zum künftigen Verbleib der rund 180 Beschäftigten gibt es nur vage Informationen.

Ziel muss es aus unserer Sicht sein, den Rückzug der BASF aus Grenzach-Wyhlen zum Anlass für Überlegungen zu nehmen, wie der Verlust von zahlreichen qualifizierten Arbeitsplätzen in der chemischen Industrie ausgeglichen werden kann. Dies kann unseres Erachtens nur passieren, indem wir hier vor Ort gemeinsam mit den Betroffenen alle Anstrengungen unternehmen, die Voraussetzungen für die Entstehung neuer, zukunftsfähiger Arbeitsplätze zu schaffen.

Innovations-Campus Hochrhein auf dem BASF-Areal in Grenzach

Vor dem Hintergrund der organisch gewachsenen Tradition als Standort der chemischen und pharmazeutischen Industrie, sollten wir uns die Lage von Grenzach-Wyhlen im Herzen von Europas führendem Life Science Cluster Basel als Standortvorteil bewusst machen. Und wir sollten dies auch offensiv kommunizieren, ist doch viel zu oft die Rede von „Randlage“ und „Abwärtsspirale“. Per Saldo wurde nämlich in der Agglomeration Basel in den vergangenen Jahren der Verlust an Arbeitsplätzen in der chemischen Industrie durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in den Life Sciences überkompensiert. Aus diesem Zusammenhang und aus der Tatsache, dass es sich beim BASF-Areal um einen Chemiestandort handelt, liegt eine thematische Schwerpunktsetzung für künftige Nutzungen im Bereich Spezialitätenchemie / Cleantech / Biopharma nahe. Dies sind unseres Erachtens Ansatzpunkte für ein Nutzungskonzept, das nun als nächstes vordringlich erarbeitet werden sollte. Klar sagen wir jedoch, dass Sonderabfallentsorger und neue Betriebe mit starken Emissionen oder Gefährdungspotential, aufgrund der damit verbundenen Imageprobleme für ein Campus-Projekt und aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zu Wohngebieten, nicht mehr in dieses Areal passen.

Die positiven Veränderungschancen, die sich aus den genannten Entwicklungen ergeben, sind eindeutig. Angesichts der Flächenknappheit in der trinationalen Agglomeration Basel kommt dem BASF Areal mit einer Größe von rund 37 ha eine für die Zukunft des Wirtschaftsstandort Grenzach-Wyhlen strategische Schlüsselrolle zu. Der Standort für einen Innovations-Campus zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • Größe des Areals: 37 ha
  • Zentrale Lage in der Agglomeration Basel
  • Traditionell gewachsener Chemie- und Pharmastandort
  • Hohe Akzeptanz der chemischen und pharmazeutischen Industrie in der Bevölkerung
  • Anbindung an Straße, Schiene, Wasser und 15 km vom EuroAirport

Als Vorbild in unmittelbarer Nachbarschaft können wir Lörrach nehmen: Dort wurden in den 1990er Jahren rund 1.500 Arbeitsplätze abgebaut (KBC, Schöpflin Haagen). In dieser Situation startete die regionale Wirtschaftsförderung Wirtschaftsregion Dreiländereck (heute Wirtschaftsregion Südwest) eine Regionale Standortinitiative und entwickelte gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung ein regionales Impulsprogramm mit rund einem Dutzend Leitprojekten. Dieses Programm wurde der Landesregierung zur Stellungnahme vorgelegt. Eine Reihe von Leitprojekten wurde seinerzeit mit Unterstützung des Landesregierung Baden-Württemberg auf den Weg gebracht, unter anderem das Innovationszentrum Lörrachheute floriert das Innocel, das damals im Rahmen der Standortinitiative Dreiländereck lanciert wurde.

Weitere Beispiele für erfolgreiche Umnutzungen von Industriestandorten sind der Gewerbepark in Waldshut-Tiengen sowie der Infrapark Baselland auf dem Clariant-Areal in Schweizerhalle.

 Was sind die nächsten Schritte?

  • Kräfte bündeln in einer Standortinitiative Grenzach-Wyhlen; Gemeinde, Politik, engagierte Bürger und Verbände, Betroffene
  • Konzept für ein Innovations-Campus vorbereiten unter Einbezug der im Zukunftsforum Grenzach-Wyhlen vorhandenen Erfahrungen in den Bereichen Chemie, Pharma, Standortmarketing, Projektentwicklung
  • Aufbau eines proaktiven Ansiedlungsmanagements auf der Grundlage eines abgestimmten Nutzungskonzeptes
  • Realistischen Zeitrahmen setzen (10-15 Jahre)
  • BASF ins Boot nehmen (Knowhow FuE / Zukunftsfelder, Finanzen)
  • Land Baden-Württemberg einbinden
  • Projektstruktur aufbauen
  • Finanzierung sondieren und sicherstellen (BASF, Gemeinde, Land, EU, andere Quellen)
  • Vertreter der beiden Basler Kantone in die Projektentwicklung mit einbeziehen

Knowhow und Engagement sind vorhanden, insbesondere in den Reihen der „Bürgerinitiative Zukunftsforum“, aber auch bei etablierten Verbänden wie dem BUND. Bei einer derart komplexen Fragestellung können die herkömmlichen Rezepte nicht weiterhelfen. Wir alle, einschliesslich Gemeinderat und Verwaltung, sind mit einer für uns ungewohnten Situation konfrontiert. Wir müssen jetzt neue, innovative Wege gehen, da die bewährten Handlungsmechanismen hier nicht greifen. Hier bieten wir als Zukunftsforum unsere aktive Unterstützung an. Um diese komplexe Aufgabe zu bewältigen, plädieren wir für eine gemeinsame Standortinitiative Grenzach-Wyhlen mit dem Ziel, die Vorausetzungen für die Entstehung zukunftsfähiger Arbeitsplätze in Grenzach-Wyhlen zu schaffen.

 

Beispielhaft hier noch eine mögliche Vision aus einer aktuellen Studie:

Neue Ufer: Transformation des BASF-Areals*

„Die räumliche Nähe und die durch die Industrie bedingten dynamischen Verflechtungen zwischen Grenzach, dem Rhein und der gegenüberliegenden Talseite sind, wie die Analyse aufzeigt, bisher nur ansatzweise im Gemeindegeschehen spürbar.

Der Rückbau großer Teile des heutigen BASF-Standorts bietet die einzigartige Chance, ein Areal von erheblicher Dimension zu öffnen und die Gemeinde dem Fluss näher zu bringen. Um diesem Herzstück des Gemeindegebiets eine zukünftige Entwicklung jenseits der derzeitigen industriellen Nutzung zu ermöglichen, müssen der Chemiekonzern und die Gemeinde zusammen-arbeiten. Das Engagement der BASF für eine vollständige Sanierung der Kessler- und Ciba-Geigy-Grube ist eine der Bedingungen für einen offenen und nachhaltigen Entwicklungsprozess.

So wird, nur wenige hundert Meter vom Ortszentrum und Bahnhof Grenzachs entfernt, ein neues städtisches Quartier ausformuliert. Ausgehend von den umfangreichen Flächen und Volumen des Industriegeländes können langfristig neue Typen der Bebauung städtisches Wohnen, Arbeiten und Naturnähe verbinden. Je nach Entwicklung der Hafenareale auf der Schweizer Seite des Rheins wäre der Ort mit seiner hohen Böschung über dem dicht bewachsenen Uferweg auch für eine neue Rheinbrücke prädestiniert.“

 

*Zitiert aus:   Grenzach-Wyhlen – Wohnen am Wasser;  Städtebauliche Studie, ETH Studio Basel 2012, S. 99